Schönheit

Patrizia Egger stellt in ihrer Diplomarbeit[1] auch die Frage nach der Schönheit der „nichtidealen“ Frau. Dabei bezieht sie sich auch auf Ingrid Strobl, die nicht unumstrittene  Germanistin  und Kunstgeschichtlerin, die über das Thema „Rhetorik im Dritten Reich“ promovierte. Die sich selbst als Feministin bezeichnende Strobl war zunächst beim ORF in Wien tätig, zog 1979 nach Köln und arbeitete als Redakteurin der Zeitschrift Emma. 1986 machte sie sich als freie Autorin selbständig.

„Das Schönheitsideal stellt in unserem kapitalistischen Gesellschaftssystem eine der markantesten Normen dar, die das herrschende Frauenbild bestimmen. In ihrem Artikel „Freude durch Kraft“ analysiert Ingrid Strobl die Frauenbilder, nach denen sich die Frauen von heute sehnen und mit denen sie sich identifizieren. Es handelt sich dabei um Bilder, in denen frau sportlich, aktiv und selbstbewußt ihren makellosen, kräftigen und gesunden Körper voller Lebensfreude und Energie präsentiert. Als Beispiel nennt Ingrid Strobl hier Grace Jones: „Sie ist schwarz, glänzend, athletisch, Harmonie von Muskeln und Bewegung, glatt bis in den ausrasierten Nacken, ganz physische Präsenz. Sie besiegt das Inferno, sie triumphiert über die Elemente, sie schnellt durch die Luft, allein kraft ihres Körpers, ihrer durchtrainierten Muskeln, der zielgenauen Dynamik ihrer Bewegungen.“ Diese Bilder signalisieren Schönheit, Jugend, Kraft aber auch Ausdauer, Willensstärke und so etwas wie Kampfgeist: Frau ist stolz auf ihren Körper. Sie verkörpert Sicherheit, Gesundheit und Sieg.

So vermittelt das neue Bild der Frau, das besonders von seiten der Medien ständig reproduziert wird, die eben genannten Eigenschaften. Vor allem aber vermittelt es auch das Gefühl, den nötigen Freiraum zu haben, um sich frei entfalten zu können und erfolgreich zu sein; es spiegelt somit genau das wider, wonach sich viele Frauen sehnen, um so mehr es auf der anderen Seite ja oft genug ihren Alltagserfahrungen widerspricht. Ingrid Strobl weist auf Parallelen hin, die sich zwischen dem soeben beschriebenen Bild und jenem Bild, das im Nationalsozialismus die deutschen Sportlerinnen als reinrassige, arische, lebensfreudige und kampfbereite Frauen darstellten, das demzufolge als Sinnbild der gesunden, vollwertigen Frau fungierte, ziehen lassen. Strobl dazu: „Sie [gemeint ist hier Grace Jones] ist die schwarz-schillernde Schwester der hellstrahlenden arischen Sportlerin. <Reinrassigkeit> muß – heute – nicht arisch sein. Sie beweist sich durch Kraft, Harmonie, Sieg.“

Laut Strobl stellen Frauen, die auf solche Weise und aus diesen Gründen als Heldinnen und Vorbilder angesehen und gefeiert wurden bzw. immer noch werden, Schablonen des Sieges dar. „Sie haben ihn [den Sieg] über nichts errungen. Sie haben nicht gesiegt, sie sind Sieg. Der Triumph der naturhaften Körperlichkeit über die Verletzungen und Anstrengungen des realen Kampfes, den sie nie ausgefochten haben.“ Strobl sieht in dem Sich-Festklammern an derartigen Vor-Bildern einerseits den zwanghaften Versuch den realen Kampf, das Sich-zur-Wehr-setzen-müssen, zu verdrängen. Die strahlenden Siegerinnen verdecken und verdrängen jene Elendsbilder, die Frauen als aufopfernde Mütter zeigen, sie verdecken auch jene Bilder des Grauens und der Angst, die ausgebeutete, gequälte, mißbrauchte und ermordete Frauen zeigen. Das Festhalten an diesen Vor- Bildern bedeutet demnach, unbequemen Fragen aus dem Weg zu gehen, sich der Wirklichkeit nicht zu stellen.

Durch das unreflektierte Übernehmen solcher Vor-Bilder hält frau eindeutig am Schönheitsideal und damit an den herrschenden Normen fest. Andererseits wird von Frauen der Anspruch erhoben, dem Schönheitsideal zu entsprechen, um so ausschließlich auf Kosten derer, die als das Andere gelten, möglichst normkonform zu sein. Frauen wissen sich dabei sehr wohl von jenen Frauen abzugrenzen, die ihren Standard nicht erreichen. Schließlich sind es nicht zuletzt gerade auch die verächtlichen oder mitleidserfüllten Blicke dieser Frauen, durch welche Frauen <mit Behinderung> diskriminiert und gedemütigt werden. „Die Harmonie dieses Scheinsieges ist der Theaterdonner der Dazugehörigen, der <Reinrassigen>. Die Faszination seiner Schönheit lebt vom Abscheu vor den <anderen>, den Ausgegrenzten. Die <schönen> Bilder, die Bilder, die frau gerade zu brauchen glaubt, aus dem mörderischen Gesamtzusammenhang reißen, heißt nicht nur, den Zusammenhang verleugnen, es heißt vor allem, ihn fortzusetzen.“ Wahre Siegerinnen sind für Ingrid Strobl jene Frauen, die für ihre Rechte kämpfen und sich politisch engagieren, jene die sich mit ihrer Reduktion auf die herkömmlichen Werte und Klassifizierungen, welche als Deckmantel für die Ausbeutung und Instrumentalisierung von Frauen fungieren, nicht abfinden und es ablehnen ständig von außen (in besonderer Weise von Männern) definiert zu werden.

Die <behinderte> Frau stellt aufgrund ihrer körperlichen und oder geistigen Abweichungen den personifizierten Bruch mit der Norm dar. Indem sie ist wie sie ist, ist sie Frau und muß als solche anerkannt und respektiert werden. Doch gerade weil sie ist wie sie ist und nicht wie sie eigentlich sein sollte, wird sie mit ihren Rundungen (an falscher Stelle), ihrem verkrüppelten, schiefen, vielleicht zerbrechlich anmutenden Körper mit Vehemenz vom Bereich des Weiblichen ausgeschlossen. Ihr Anspruch Frau zu sein – wobei allein die Tatsache, daß sie denselben überhaupt für sich erheben muß, schon für sich spricht (!) – stellt das herrschende Frauenbild sowie das geltende Schönheitsideal (die Norm) in Frage: Sie zerstört das Bild bzw. die idealisierte Vorstellung des perfekten, makellosen Körpers. Die Tatsache, daß sie sozusagen jenes Spiegelbild ist, mit denen sich (normale) Frauen nicht identifizieren (sollten), bedeutet, daß sie ein enorm starkes Selbstbewußtsein entwickeln und viel Energie aufbringen muß, um sie selbst zu sein. Das heißt aber auch, daß ihr Frausein Ausdruck von Kraft, Mut und nicht zuletzt von Widerstand ist.

Der herrschende Zwang zur makellosen Schönheit, zum perfekten Körper verstärkt den Druck, welchem <behinderte> Frauen ohnedies ausgesetzt sind. Sie stehen unter einem enormen Anpassungsdruck. Der Anpassungsprozeß macht sich in ihrer Sozialisation bemerkbar. Aus Texten oder Berichten, in denen <behinderte> Frauen ihre Erfahrungen schildern wird deutlich, daß sie bereits in ihrer Kindheit am eigenen Leib erfahren haben, was es bedeutet, mit allen erdenklichen Mitteln jenem herrschenden Bild von Schönheit so gut wie nur möglich angepaßt zu werden und trotzdem ständig diskreditierenden Blicken ausgesetzt zu sein. „Viele behinderte Frauen sind jedoch von Kindheit an darauf gedrillt worden, ihre Behinderung durch bestimmte Kleidung, Prothesen oder das Vermeiden bestimmter Bewegungen so gut wie möglich zu kaschieren, zu verbergen oder gar zu verheimlichen – das Ziel aller Wünsche.“

[…] Die Entfremdung des Körpers vom Selbst ist dabei als Ergebnis einer Reihe von vielfältigen Prozessen zu verstehen, die bewirken, daß der als <behindert> diagnostizierten Person ihr eigener Körper, sei es durch diverse Rehabilitationsmaßnahmen, sei es durch operative Eingriffe oder allein durch die Tatsache, daß ständig Dritte darüber bestimmen, was ihrem Körper gut tut, immer fremder wird.

Mit anderen Worten, der<behinderten> Frau, dem <behinderten> Mann, dem <behinderten> Kind wird auf ganz unterschiedliche Weise das Gefühl vermittelt, daß sie nicht sein dürfen, wie sie sind:

Ihr Körper wird kontrolliert, manipuliert, zurechtgebogen und korrigiert. Fehlende Glieder werden durch Kunststoff, Plastik (Prothesen) ersetzt und mittels höchster Technik wieder bewegungsfähig gemacht. In diesem Sinne ist es der defektorientierte, medizinische Blick, der die Rigidität des Schönheitsideals untermauert und wesentlich zur Entfremdung des Körpers vom Selbst beiträgt. Der medizinische Blick produziert eine Norm, die bestimmt, was als schön zu gelten hat.“[2]

 

a

[1] Egger, Patrizia (1999): Die Konstruktion „Behinderung“ oder die Macht der Normierung. Diplomarbeit zur Erlangen des akademischen Grades der Magistra der Philosophie; am Institut für Erziehungswissenschaften der geisteswissenschaftlichen Fakultät der Universität Innsbruck; eingereicht bei Univ.-Ass.Dr. Michaela Ralser; im März 1999, hier: Kapitel „Schönheit“, 69 ff.

[2] ebd.


		
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