Das Mädchen ohne Hände. Ein Märchen der Gebrüder Grimm, Teil 2.

Dieses Märchen „entstammt der Mondmythologie und zeigt in eindrucksvollen Bildern, was Leid, Widersprüche und Enttäuschungen positiv bewirken und wie sie uns im Leben voranbringen können. [… Es geht] um die Balance von Männlichem und Weiblichem, um Festhalten und Loslassen.“[1]

Nun einige Lesemöglichkeiten zur Subjektwerdung:

Die Mondmythologie zeichnet uns das ewige Bild der mondhaften Menschen. Im Mond sehen die Alten ein wunderschönes Mädchen, das im Garten des Vaters unter dem Weltenbaum lebt. Um nicht der Finsternis preisgegeben zu werden, muss der Vater die Tochter verstümmeln, um ihre Strahlung zu dimmen. Immer matter werdend – wir sehen dieses grausame Mondphasenspiel allmonatlich am Himmel – findet sie – das sehen wir allabendlich – ihren Prinzgemahl, die Sonne. Die äußerste Erschöpfung bringt als Leidensende die hochzeitliche Vereinigung beider; Aus der schmalen Mondsichel steigt allmonatlich das gemeinsame Kind, der wachsende Mond. Leid wird zu Glück und Regeneration, um wieder im neuen Lauf zu versinken. Was dabei nicht zu sehen ist, ist die Hoffnung wider alle Hoffnung auf ein Ende des Schicksalslaufes, auf bleibendes Glück, auf wahre Vollendung.[2] Diese naturmythologische Deutung löst Eugen Drewermann[3] in eine tiefenpsychologische[4]: Der Wald als Ort des Unbewussten, wo der Mensch seinem Schatten begegnet; der Weg als Irrweg und Zuflucht des Menschen; der Baum des Lebens (Erkenntnis und Wahrheit): Dies sind quasi die Zutaten des Märchens. Die Personen darin: der Teufel als die innerste Eigenversuchung (unschuldig schuldig), das Mädchen als innerste Lebenshoffnung (das Selbst, das es zu verlieren gilt; die Macht der Verwandlung und die Eigenverantwortung; die Seele wie die Freiheit, die es oft schmerzlich zu erringen gilt), der Vater (der die Tochter mit einem Besitz verwechselt), der Priester (Er sollte den Geist anreden. An dieser Figur ließen sich religiöse Behinderungen wie auch Freisetzungen an der Subjektwerdung weiterdenken.), die Mutter (Gnadenhaftigkeit des Daseins), der König (symbolischer Vater, der zunächst die Krüppelhaftigkeit nur verlängert), das Kind (Als einzige Figur trägt es einen Namen: Schmerzenreich; wie ein Titel des Prozesses jeder Selbstwerdung).

Das Abschlagen der Hände ist innerste Notwendigkeit für die Tochter, um das Selbst zu verlieren, wodurch sie zum eigentlichen Ich gelangt in der Überwindung des realen Vaters durch den symbolischen Vater, wie auch in der Überschreitung der Ich-Es-Beziehung hin zur Ich-Du-Beziehung bzw. zum Ich-Du-Selbst.[5] In dieser Verstümmelung einen Kindesmissbrauch nur sexueller Art sehen zu sollen[6], ist sicherlich bedenkenswert, aber m. E. nicht zwingend. Vielmehr – um mit Eugen Drewermann weiterzudenken – sind hier Formen schwerster Gehemmtheit aus der oralen Persönlichkeitsentwicklung zu entdecken, die nur schmerzlich aus dem Teufelskreis erlösbar sind. Aus Liebe zum Vater gelingt dem Mädchen endlich diese langwierige Prozedur aus Dilemma, Sitte und Tränen hin zu eigenen Sehnsüchten und Wünschen, die sie ins Selbst bringen und die gesamte Geschichte dadurch heil ausgehen lassen. Ihre Sehnsüchte freilich sind von außen betrachtet fragwürdig: Sie geht in die Welt hinaus und wünscht als Nicht-Handeln-Könnende Mitleid der Anderen, wissend dies ist kein Leben. Sie richtet sich’s also in den eigenen Hemmungen zunächst ein und findet dadurch aber den symbolischen Vater – also die Überwindung des teuflischen Vaters – und ihren König (Übertragungsliebe). In einem umgekehrten Sündenfall (Gen 3, 24) lernt sie die Erlaubtheit des Verbotenen (Sitte und Entschuldung) und Mut zur Schuld. Sie lernt erstmals um. Die Großzügigkeit des Königs muss ihr nach dem Vater göttlich vorkommen, erzeugt aber Schuldgefühle und Missverständnisse, als lebten sie in entfernten Ländern und der Teufel verdrehe jedes Wort. Aber es sind des Königs Gaben, die an ihr wachsen, nicht die eigenen Hände zunächst. Die Gültigkeit dieser Liebe ist noch keine. Sie muss wieder ausziehen: Diesmal aus dem selbst zum Selbst. Und dies gelingt ihr transzendierend in der Hinwendung von vermeintlicher Verlässlichkeit der Menschen hin zu einem absoluten Seinsgrund – G´tt, der hier nicht wie sonst in Märchen religionspsychologische Erfahrung des Selbst ist, sondern der theologische G´ttesbegriff. Nicht Menschen sind einander alles! Den Halt in einem Nichtmenschlichen zu finden, ermöglicht ein Leben unter Menschen. In so einem Weltenhaus wohnt ein jeder frei!

Die Mutter – als Engel G´ttes, die ihr das Kind an die Brust dann legen kann, lässt das Mädchen erst dann leben; Denn die orale Phase ist jetzt überwunden: Ohne Schuld kann das Mädchen etwas in die Hand nehmen (auch sein eigenes Leben). Der ewigen Vereinigung mit dem König steht nun nichts mehr entgegen.

Die in Zürich tätige Psychodramatherapeutin und Psychologin, Maja Storch, macht uns Frauen hier mit der analytischen Pschyologie von C.G. Jung „vertraut, und erklärt, warum wir starken Frauen in der heutigen Zeit in dem romantischen Dilemma stecken. Als kleines Mädchen ist der Vater der wichtigste Mann in unserem Leben, was er sagt ist richtig und danach richten wir uns. […] Die Mutter in dem Märchen ist auch nicht gerade das leuchtende Vorbild für das junge Mädchen. Mit anderen Worten, die Ehe der Eltern ist nicht in Ordnung. Das Mädchen versucht alles um nicht diese Ehe mit dem Teufel eingehen zu müssen. Sie widersetzt sich den Wünschen des Vaters, fügt sich große Verletzungen zu und geht. Sie versucht alleine zurecht zu kommen und trifft den Mann, den sie liebt und er liebt sie. Sie kommen zusammen und trotzdem funktioniert es nicht. Irgendwie führen sie die Ehe der Eltern weiter, beide wollen es nicht, er flüchtet bzw. zieht in den Krieg und sie bekommt das Kind Schmerzensreich. Mit diesem Kind verschwindet sie auch. Beide begeben sich auf die Suche zu sich selbst. Und immer wieder kommt der Teufel ins Spiel, stellt sie auf die Probe. Der starke Mann begibt sich endlich auf die Suche nach ihr und sie lebt mit ihrem Kind Scherzensreich alleine in einer Hütte im Wald. Und irgendwann findet er die Hütte im Wald. Müde von der Suche ruht er sich aus und legt sich ein Tuch über das Gesicht. Und nun erkennt sie bzw. das Kind (in ihr) Schmerzensreich, dieser Mann, der sie sieben Jahre gesucht hat, nicht so ist wie ihr Vater. Sie sieht nun, wie er wirklich ist. Auch der Mann, sieht seine Frau nun anders. Sie ist nicht mehr die schwache Frau, der die Hände fehlen. Sie hat die Entwicklung zur starken Frau abgeschlossen, und hat wieder beide Hände. Um sich so zu entwickeln mußte sie Scherzensreich zur Welt bringen. Er sieht nun, sie braucht nicht mehr seine Hilfe um sich in der Welt zurecht zufinden. Dies ist nun die Grundlage um neu zu beginnen.“[7] Anders als bei Drewermann liegt hier in der Jung´schen Interpretation der Ermöglichungsgrund der Selbstwerdung des Mädchens nicht außerhalb/außerweltlich gleichsam, in der göttlichen Gnade, sondern die freisetzende, erkennende, Geschichte überdauernde, aneinander sich wandelnde Liebe in diesen beiden Menschen ermöglicht für beide die Selbstwerdung.

Maja Storch stellt dann auch noch die Frage, wieso also emanzipierte, starke Frauen (wie auch Männer) heute sich so schwer tun, in der endlich gefundenen Liebe nicht in Machtkämpfe oder traditionelle unpassende Klischees a la Pilcher zu verfallen. Hingabe und Kampf, also Freiheit und bedrohte Autonomie widerstehen im modernen Individuum dann so stark, dass ein liebendes Gelingen nicht möglich scheint. Maja Storch, wie eben auch viele Menschen im Heute, verkennt dabei aber ein Wesentliches, nämlich (und hier sei wissenschaftlich Drewermann mit Jung vereint): Die Liebe, den/die Eine/n, zu suchen, das ist die Verunmöglichung ihrer selbst und die Verunmöglichung der eigenen Selbstwerdung dabei! Hier gilt es eben nicht zu suchen: einen Lebenspartner irgendwo zu suchen… Hier geht es um das Suchen und Lieben der Alterität im Anderen – im DU. Da heißt es wachsam zu sein, sich selbst und dem Entgegenkommenden gegenüber; behutsam zu sein in der Erkenntnis; und mutig genug zu sein, diese als einmalig zu (er-)leben. Möglicherweise wird sie auch nicht allen Menschen im Leben zu Teil. Jedoch die, denen sie begegnet, die tragen die Welt; die sind der schöpferische Anteil der Welt, wie im Mondmärchen.

Abschließend sei aus leider aktuellen Anlässen heraus noch eine Sichtweise wieder mit Christa Mulack[8] auf dieses Märchen gegeben: „Als Opfer physischer, seelischer und geistiger Gewalt lernen sie [die Frauen] im christlichen Abendland, die ‚Schuld’ für das an ihnen begangene Unrecht bei sich selbst zu suchen. Sie wissen nichts mehr von dem väterlichen Pakt mit dem Bösen und übernehmen eine Verantwortung, die ihnen nicht zukommt. Die Maßstäbe, mit denen sie sich und den Vater messen, stimmen aber nicht mit der Wirklichkeit überein. Sie haben buchstäblich ihr eigenes Gesetz, ihre Autonomie, verloren, und einen falschen Massstab für ihr Leben an die Hand bekommen. Seit frühester Kindheit haben sie gelernt, sich an jenen Forderungen zu messen, die von außen an sie herangetragen werden. Gelang es ihnen, diesen Anforderungen gerecht zu werden, entwickelten sie ein (falsches) gutes Gewissen. Misslang es, stellten sich (falsche) Schuldgefühle ein. Auf der Grundlage ihrer Bereitschaft, Schuld auf sich zu nehmen, wurden sie bis in die tiefsten Schichten ihrer Seele hinein manipuliert und dabei rigoros den eigenen Bedürfnissen entfremdet. Diese Schuld mangelnder Selbstbewahrung aber konnten sie nicht erkennen, da niemand bereit war, sie beim Namen zu nennen.“[9]

Ja, beim Namen gerufen zu werden: Das ist die nicht herstellbare Ermöglichung zur Selbstwerdung! Die oben beschriebenen Zutaten des Märchens sind unsere Lebensimplimente, die es gilt im Selbst aufzunehmen. Behinderungen am Weg zum Frau-Sein/Mann-Sein sind nicht als Schuld – nicht am Anderen und nicht an sich selbst – bewusst zu machen, sondern sie sind schmerzensreiche Ermöglichungen in der Selbstwerdung. Das Ich in Überwindung gelangt so in die Ich-Du (-Selbst) –Beziehung.

a


[1] aus: http://www.bilandia.de/Das-M-dchen-ohne-H-nde/buecher/bu/9783530170061[31.5.2011].

[2] Drewermann, Jürgen und Neuhaus, Ingritt (1999): Das Mädchen ohne Hände. Märchen Nr. 31 aus der Grimmschen Sammlung, Walter Verlag, Düsseldorf, 13. Aufl., S. 30 f.

[3] Eugen Drewermann, Jahrgang 1940, aus Bergkamen, ist ein ehemals katholischer deutscher Theologe, 1992 suspendierter Priester, Psychoanalytiker und Schriftsteller. Von ihm gibt es eine Reihe von tiefenpsychologischen Deutungen der Grimm’schen Märchen.

[4] Drewermann, Jürgen und Neuhaus, Ingritt (1999): Das Mädchen ohne Hände. Märchen Nr. 31 aus der Grimmschen Sammlung, Walter Verlag, Düsseldorf, 13. Aufl., S. 30 f.

[5]

Der Weg vom Ego zum Selbst zum SELBST


Stufe

Stationen

Männlicher / Maskuliner Aspekt
DOMINANZ

Weiblicher / Femininer Aspekt
UNTERWERFUNG

1.

Unbewusst Teufel
Kontrollierend dominantes Ego / Id

Kind/Mädchen
Opferwillige Anima

2.

Halbbewusst Vater
Gieriger, gewalttätiger Schatten

Mutter
Erstarrt duldender, ausweichender Schatten

3.

Bewusst
Stumm –
Tabuwahrend
Mann/König
Ambivalent suchende Persona

Schwiegermutter
Differenzierende Verbündete

4.

Bewusst
Ausgesprochen
Tabubrechend
Sohn
Durch Schmerz gewandelter neuer Mann

Geheilte neue Frau
Heil gewordene, wieder handlungsfähige Genesende

5.

Überbewusst
Transzendierend
Gottvater – Über-Ich
Fernes transzendentes Alles-in-Allem

Selbst – Weiße Fee
Nahe, nährende, immanente Große Mutter

aus: Mulack, Christa (1995): Das Mädchen ohne Hände. Wie eine Tochter sich aus der Gewalt des Vaters befreit, Kreuz Verlag, Freiburg,  117.

[6] vgl. Bonin, Felix von (2004): Das Mädchen ohne Hände. Das missbrauchte Kind. Der schmerzensreiche Weg, 1. Aufl., Param-Verlag, Ahlerstedt.

[7] Storch, Maja (2001): Die Sehnsucht der starken Frau nach dem starken Mann, Goldmann Verlag, München, 102 ff.

[8] Dr. Christa Mulack, Jahrgang 1943, geboren und aufgewachsen in Hamburg. Nach Sprachstudien im Ausland (England, Frankreich, USA) Studium in Deutschland: Theologie, Psychologie, Soziologie und Erziehungswissenschaften. Einige Jahre Lehrtätigkeit am Gymnasium, daneben Promotion. (Dissertation: Die Weiblichkeit Gottes. Matriarchale Voraussetzungen des Gottesbildes). Seit 1984 freiberuflich als feministische Autorin und Dozentin tätig. Diverse Lehraufträge im Fach Feministische Theologie an mehren Universitäten. Lebt heute mit ihrer Partnerin in Hagen/Westf.

[9] Mulack, Christa (1995): Das Mädchen ohne Hände. Wie eine Tochter sich aus der Gewalt des Vaters befreit, Kreuz Verlag, Freiburg, 64.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: